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Bettina

:em

Bettina
oder
Tod im Frühling

Damals, ich war 15 Jahre alt, lebte ich erst kurze Zeit in Stuttgart, in einer romantischen Umgebung. Von dem Häuschen der Eltern meiner Stiefmutter aus hatte ich aus meinem kleinen Zimmerchen nicht nur einen Ausblick auf weite dunkle Wälder, sondern als ich dort einzog streckte ein Apfelbaum seine blühenden Zweige fast in mein Fenster hinein. Es war eine stille und einsame Zeit, hatte ich doch alles mir Vertraute hinter mir gelassen. Ich war an den Nachmittagen allein, die alten Leute machten unten ihren Mittagsschlaf, und hörte, man hatte mir einen Plattenspieler und einige Platten gegeben, immer wieder Schuberts Unvollendete, Klaviermusik von Chopin oder das Violinkonzert von Max Bruch.

Wenn ich das Haus verließ, sah ich den gegenüber der Straße in ein Tal abfallenden Hang, der weit gegenüber wieder anstieg, voller Weinberge und Gärten und der Weg zur Straßenbahn führte ein Stück weit durch den Wald.
Oft, wenn ich in die Straßenbahn einstieg, sah ich sie, die Zwillinge. Es machte mich froh, sie zu sehen, ich liebte den Anblick dieser beiden jungen Mädchen und hätte so gern Kontakt zu ihnen aufgenommen, doch war ich scheu und ich fand kein wie und warum. Sie besuchten die gleiche Schule wie ich, waren aber zwei Klassen über mir. Sie standen meist im ersten Wagen hinten, und dort stand ich auch und sah zu ihnen rüber, wenn sie mir den Rücken zuwandten oder wenn ich das Gefühl hatte, sie bemerkten es nicht. Sie hatten die gleiche Statur, ihre dunkelblonden Haare fielen glatt und lang auf den dunkelbeigen oder eher khakifarbenen dünnen Mantel hinab.
Ihre Gesichter glichen sich nicht, und auch in ihrer Art waren sie unterschiedlich, jedenfalls war mein Eindruck, dass Bettina die Lebhaftere und Aufgeschlossenere war und Angelika ein wenig stiller und verschlossener. Allerdings kannte ich sie ja nicht gut und sah sie nur von weitem. Nur einmal sprach ich mit Bettina in der Pause auf dem Schulhof, ich weiß nicht mehr, worum es ging, ich erinnere mich nur, dass sie sehr nett und lebendig war und ich mich danach eine Weile glücklich fühlte.

Die Mutter der beiden war, wie ich gehört hatte, Malerin, und ich spazierte mal an dem Haus vorbei, in dem sie lebten. Es war hügelig dort, und das Haus stand ein Stück weit oberhalb der Straße. Es hatte ein riesengroßes Fenster, das den Blick in ein Atelier frei gab, in dem ich eine Staffelei sah und die Mutter, in meiner Erinnerung hat sie glatte schwarze, streng zurückgekämmte Haare.
Alles an dieser Familie empfand ich als anziehend und schick.

Und dann, eines Tages, es war noch immer - oder wieder, ich weiß es nicht mehr - Frühling. Alles stand in vollster Blüte, als Bettina tödlich verunglückte.
Sie war sehr beliebt und mein Eindruck war, die ganze Schule stand unter Schock.

Sie war mit einem Freund in einem VW-Cabrio unterwegs gewesen, er kam mit den Autorädern an die Bordsteinkante, das Auto kam ins Schleudern, Bettina wurde hinausgeschleudert und schlug mit dem Kopf auf den Straßenbahnschienen auf und war sofort tot. Der Freund blieb unverletzt.

Stuttgart ist eine unglaublich romantische Stadt, wenn man nicht gerade im Kessel der Innenstadt lebt. Und da oben, wo ich das Glück hatte, eine Zeit lang zu wohnen, gibt es einen kleinen - auch unglaublich romantischen - Friedhof.
Dort war Bettina in der kleinen Kapelle aufgebahrt. Ich besuchte sie in dem kleinen Aufbahrungsraum, der in einem Meer von Blüten schier versank. Nur Bettinas Kopf war bandagiert, ihr schönes und friedliches Gesicht von einem durchsichtigen Schleier bedeckt. Und überall Blumen und Blüten.
Es war meine erste Begegnung mit dem Tod und die berührte mich stark. Meine Gefühle von Trauer waren sozusagen in Frühlingsduft eingebettet.
Den wirklichen tiefen Schmerz erlebte ich bei der Beerdigung, an der ich mit dem Schulchor teilnehmen durfte. Da stand Angelika mit jenem Freund, der den Unfall verursacht hatte, am Grab, ihre und seine Hände fest und schmerzvoll ineinander verkrallt.
Wir, der Schulchor, sangen das Ave Verum und noch etwas aus Mozarts Requiem.

Auf Bettinas Grab stand dann ein Rosenkreuz aus rotem Sandstein, nach einem Entwurf von Bettinas Mutter von einer Bildhauerin gestaltet. Und es war ein schöner, lichter Text eingraviert, der mir leider entfallen ist.

Jahrzehnte später besuchte ich mit meiner Stiefmutter auf jenem Friedhof das Grab von Angehörigen und wollte dann, wie sonst auch, wenn ich dort war, auch zu Bettinas Grab gehen. Da sah ich zwei Frauen, die den Friedhof gerade verlassen wollten und stürzte hinterher, weil ich Angelika erkannt hatte. Sie war es, zusammen mit ihrer Mutter.
Meine Stiefmutter kam dazu, und wir unterhielten uns kurz. Angelikas Mutter lebte inzwischen in einem anthroposophischen Heim für Demenzkranke, soviel ich weiß, und als meine Stiefmutter das Wort "Zwillinge" aussprach, wiederholte Angelikas Mutter lachend das Wort "Zwillinge. Zwillinge.", ohne offensichtlich zu wissen, wovon sie sprach.

Inzwischen lebt Angelika schon lange am anderen Ende der Welt, wo sie sich um Pinguine und andere Tiere kümmert.

Ich weiß nicht, woran es liegen mag, dass manche Menschen sich unseren Herzen derart einprägen, so viel Raum im Herzen einnehmen, und andere gar nicht.
Angelika, die nichts davon weiß, war ich seit unserer Jugend innerlich verbunden. Ich nehme von weitem Anteil an ihrem Schicksal. Aber diese Worte treffen es nicht.
Da ist etwas so Tiefes intensiv in mir berührt.
Sie und Bettina bleiben immer in meinem Herzen.


:em

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:em
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Günter

:herzen :love :herzen

Im Dezember 2016 hatte ich in diesem meinem Blog 2 einen Eintrag erstellt mit dem Titel "Alte Liebe". Dort hatte ich auch ein bearbeitetes Foto gezeigt, ein Foto von meinem Freund Günter, Günter Herburger, das ich vor langer Zeit gemacht habe, er saß damals am Tisch in meiner Wohnküche und schrieb ein Gedicht.

Jene Gefühle von früher verwandelten sich (aus guten Gründen) nach Jahren des Abstands in eine innige Freundschaft. Er zog irgendwann mit seiner Frau und seiner behinderten Tochter zunächst in die Innenstadt, dann nach Isny, später nach Berlin, und er schickte mir noch die Manuskripte seiner letzten Bücher, die ich für ihn abtippte ("Du bist meine Lektorin", sagte er, weil mir doch so manches auffiel, worauf ich ihn aufmerksam machen konnte.). :-)
Er weigerte sich, einen Computer zu benutzen, sondern schrieb auf einer Schreibmaschine und korrigierte die Manuskripte per Hand. Es war nicht so ganz einfach, das auseinanderzuklamüsern. Und als er mich zuletzt fragte, ob ich etwas für ihn schreiben mag, sagte ich ihm ab, weil es mir zu viel wurde.

Wann sprachen wir das letzte Mal am Telefon miteinander? Er schicke mir seinen letzten Gedichtband, "Schatz" ... Warum nur habe ich darauf nicht reagiert...
Rosemarie, seine Frau, bewachte das Telefon, sie beschützte ihn vor Aufdringlichkeiten, doch meine Anrufe gab sie gern an ihn weiter, wie er mir versicherte, denn sie wusste, dass es ihm gut tat, mit mir zu reden.
Und wie gut tat es erst mir ...

Und dann erfuhr ich also vor ein paar Monaten, dass er einen Unfall hatte und nicht mehr lebt. Ich glaube, ich habe ein Problem mit der Verarbeitung von Gefühlen. Es traf mich, doch so richtig ließ ich es nicht an mich heran. Immer wieder mal kam plötzlich dieses Erschrecken, dass es ihn nicht mehr gibt, ihn, meinen wunderbaren klugen und liebsten Freund, der alles von mir wusste und der mich so ganz und gar annahm.
Immerhin dachte ich mir Katrine gut aufgehoben bei Rosemarie, seiner Frau, diesem Fels in der Brandung.
Ich erwog, Kontakt mit ihr aufzunehmen, wollte einige Zeit verstreichen lassen, wunderte mich, dass sie nichts von sich hören ließ.

Und vor einigen Tagen erst erfuhr ich, was Schreckliches geschehen ist. Ich forschte im Internet, las Nachrufe auf ihn und erfuhr dabei, dass auch Rosemarie nicht mehr lebt. Zuerst las ich von einem Verkehrsunfall, fand dann die traurige Wahrheit, dass es ein Wohnungsbrand war, der sie beide das Leben kostete, sie wurden zunächst von der Feuerwehr gerettet, verstarben aber im Krankenhaus, erst sie und zwei Wochen später er.

Mir fehlen immer noch die Worte, doch der Schmerz wird allmählich etwas sanfter. Doch was wird aus Katrine? Sie wurde von beiden so sehr geliebt.

Ich wüsste gerne mehr darüber und über den Unfall und wie es ihm in jenen letzten zwei Wochen erging. Aber ich weiß nicht, wen ich fragen könnte.
Und so nehme ich Abschied von ihm, meinem Freund Günter, und von ihr, Rosemarie, die ich auch vor 40 Jahren kennengelernt habe. Immerhin seid ihr beide auch im Tode vereint.

:herzen :love :herzen

„Und wenn der Mensch auch vielleicht
die Ewigkeit erfunden hat,
glaube ich, daß es in der Welt Dinge gibt,
die dieser Ewigkeit würdig sind.“
Federico Garcia Lorca

:blume:

Liebe Violette, ich danke Dir, dass Du in meinem Profil gefragt hast. Das hat mich angeregt, mich hier zu äußern. Wem in der Welt könnte ich klar machen, wovon ich hier rede, irgendwie habe ich doch noch immer das Gefühl, dass ich hier im Forum auf ein tieferes Verstehen stoße.


:blume:
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Das Paradies Erinnerung

:wolken: :sommer: :pink: :hm: :tr: :gold:


"Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können."

Jean Paul


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:fluegel:
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:ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw

Eine glückliche Erinnerung

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:ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw :ge :dw

https://www.youtube....h?v=1aJ5JdxJGUo

:) :love
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Ein Hauch von Ewigkeit

:blume:
"Der Augenblick ist jenes Zweideutige, darin Zeit und Ewigkeit einander berühren."
Søren Kierkegaard
:blume:

Dieses Zitat empfinde ich als passend für mein Bild, da es einen jener Augenblicke aus meinem Leben zeigt, in dem jenes "Zweideutige" geschah, von dem Kierkegaard hier spricht. Wahrscheinlich kennen wir alle solche Augenblicke, ohne dass es uns immer so recht bewusst ist.
Hier aber erlebte ich ein Wiedersehen sozusagen "bei vollem Bewusstsein", und zwar das - bei einem Klassentreffen - mit meinem Lieblingslehrer aus der Kindheit. Es hat mich zutiefst berührt, und erst dieses Treffen hat mich nachspüren lassen, wieviel er mir in jenen - auch damals schon längst vergangenen - Jahren bedeutet hat. Er war es, der zum Beispiel mit unserer Klasse in die Oper ging. Er war es, der mich damals wortlos verstand - zumindest schenkte er mir dieses Gefühl.
Einige Jahre später verbrachten wir einen Abend allein an einem Gasthaus-Tisch bei einigen Gläschen Wein, Zungen und Herzen gelöst, (bevor ich leider rennen musste, um die letzte S-Bahn zu erreichen), ich erfuhr, dass er damals, bevor er an unsere Schule kam, erst seit kurzer Zeit aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war.

Es gab noch zumindest einen, vielleicht auch mehrere, Lehrer an jener Schule, die Kriegsgefangenschaft erlebt hatten. Manchmal denke ich an einen von ihnen beim Zähneputzen, weil der unserer Klasse erzählt hatte, Zähne putzen sei gar nicht so wichtig, in Sibirien hätten sie morgens Schnee in den Mund genommen, das töte alle Bakterien.

Mein Lieblingslehrer jedoch war ein ganz besonderer Mensch. Lebensereignisse wie zum Beispiel Krieg, Gefangenschaft, Zwangsarbeit haben natürlich Einfluss auf die inneren Entwicklungen eines Menschen. Haben sie auch Einfluss auf seinen Charakter?

Eine alte Dame erzählte mir mal von ihrer Überzeugung, dass gute und liebevolle Gedanken an einen verstorbenen Menschen sich für dessen Seele ganz unglaublich schön anfühlen, schöner als ein Lebender sich je ausmalen könne.
Das wünsche ich mir für ihn, meinen Lieblingslehrer für immer und ewig, denn dann geht es ihm gerade ganz unglaublich gut.
:) :dw
:love

Habe das Bild etwas verändert.

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:blume:
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Dank

:kerze: :blume: :love :blume: :kerze:

Danke
dass ich in Zeiten der Not und des Hungers
erleben durfte
was Geborgenheit ist
in Zeiten der Kälte
was Wärme ist
damals
als ich noch klein war
Danke



:love

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Danke !

:love
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Lotte

:blume Heute stieß ich auf ein altes Foto, das ich vor Jahrzehnten bei einem Trödler erstand. Ich nahm es damals mit, weil etwas an dem Ausdruck dieser jungen Frau mich sehr anrührte. Und wie ich heute merke, fasziniert mich dieser irgendwie scheue und schüchterne und zugleich leicht vorwitzige Blick - in Verbindung mit der Unterschrift "Deine Lotte" immer noch. :blume
Als Datum steht dort 1922.
Ich finde, es passt sehr schön zum heutigen "Internationalen Frauentag", der ja noch nicht vorbei ist.

:love

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:love
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Alte Liebe

:blume: :herz :blume:

Lange habe ich nicht in meine alten Tagebücher geschaut. Auf der Suche nach etwas Bestimmten habe ich wahllos einige Seiten aufgeschlagen und bin hier hängen geblieben, weil es so kurz ist.


Kleiner Tagebuch-Auszug von 1978

Lieber,
der Schnee schmilzt, Wasser plätschert von unserem Balkon, es ist Frühling und ich fühle mich wie ein Baum.

Manchmal lässt der Alltag überhaupt keine Zeit für Träume, trotzdem, auch wenn ich herumfege und mein Kopf ganz wirr ist und ich nur ahne, dass es Dich gibt, zwischendurch, geht ein Lächeln durch meinen Kopf. Und dann sind die Gedanken an Dich so durchsichtig wie ein Traum, den man am Morgen noch ahnt, aber sich nicht zusammenreimen kann. (….)


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:blume:
„Und wenn der Mensch auch vielleicht
die Ewigkeit erfunden hat,
glaube ich, daß es in der Welt Dinge gibt,
die dieser Ewigkeit würdig sind.“
Federico Garcia Lorca

:blume:
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Alte Treppe zum Himmel

:freude

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Ich habe große Lust, mal wieder ein wenig von mir zu erzählen. Ich bin so oft verschlossen wie eine Auster ... oder nein, wie ein Füllhorn, aus dem aber nichts heraus kommt, sondern hauptsächlich hinein geht, Bilder, Informationen, Gedanken, Gefühle, Erinnerungen ... Ja, da ist auch Reichtum drinnen, doch der Platz geht irgendwie zur Neige, wenn nicht auch mal was raus fliegt ...
Wie oft wollte ich schon etwas schreiben, doch dann wieder so viel von außen auf mich zu, mein Hund, die Klingel oder auch mal das Telefon, mein Sohn, oder aber weitere Aufräum-Arbeiten ... aus ist es mit der Ruhe, mit dem was sich mitteilen wollte. Dabei muss ich gestehen, ich lasse mich manchmal gerne ablenken von Nachrichten, ich bin ganz süchtig geworden nach dem Fernseher, auch wenn ich mir keine Soaps oder anderen seichten Quatsch anschaue, ich sehe einfach so gerne fern in letzter Zeit, im PC, ich habe zwei Bildschirme.

Ich fühle mich wie in einem Ruhezustand, und - noch ein Geständnis - ich fühle mich wohl damit. Kein mich durchwirbelndes inneres Erleben, kein Stich ins Herz ... ja, ich genieße es. Dabei hängt das vielleicht mit dem Tabletten-Cocktail zusammen, den ich seit den schweren OPs im letzten Jahr nehmen muss. Nun ja, mir bleibt nichts, als mich auf die Ärzte zu verlassen.
Die Frage ist in mir aufgekommen, ob ich auch momentan so viel mit körperlichen Krankheiten zu tun hätte, hätte ich vor Jahren einen anderen Weg eingeschlagen. Natürlich weiß ich, dass alles hätte, wäre wenn und so weiter keinen Sinn macht, aber ich betrachte das ja nur, ohne Bedauern. Und wenn ich ein wenig bedauern würde, wäre das auch nicht schlimm.

Einen frühen Weg gab es, aus dem hätte ich mit mehr Selbstbewusstsein und Selbstliebe etwas machen können, wie einige der damaligen Wegbegleiter es getan haben.
Aber an den Weg denke ich gar nicht weiter, auch wenn mir dadurch jetzt gerade das mangelnde Selbstbewusstsein einfällt, das mich lange, lange begleitet hat.

Ich habe eine dünne Haut, und die Tatsache, dass ich mich derart vor dem Leben zurückgezogen habe, hat wohl damit zu tun, es gibt mir Schutz.
Seit ich etwa 30 war, habe ich mir die Begleitung von Therapeuten gesucht, das gab mir Hilfe und Schutz und die Möglichkeit, mich zu öffnen.
Jemand sagte mal über mich, als ich noch sehr jung war, ein Vergil-Zitat ... "den Frühling auf den Wangen und den Winter im Herzen". Ja, ich fand das treffend. Es war immer eine tiefe Traurigkeit in mir, und ich fühlte mich immer anders als andere Menschen. Natürlich gab es Ursachen. Da war mein Vater, der mich fallengelassen hatte ... nein, ich hatte seit der Pubertät keine Familie, nur nach außen hin, eine Mutter mit einer kranken Seele, die mir sehr nah stand, doch war es, als sei sie mein Kind, das ich verlassen hatte ... und so weiter.
Na ja, und natürlich der Holocaust, ich bin ja 1944 geboren ... Ziemlich spät erst erfuhr ich das alles, und auch das Wissen darum ist ein schmerzhafter Teil meiner Selbst, auch wenn ich natürlich an all dem gearbeitet habe und mich nicht gedanklich ständig damit befasse. Die Traurigkeit und die Fassungslosigkeit darüber steckt in meinem Blut. Und noch so einiges, ich dachte lange, ich sei die einzige, die Trauriges erlebt hat. Ich war oft wie hinter einer schönen Maske versteckt, ja, ich war sehr hübsch.

Heute denke ich: Was für ein Luxus, so viel in der Seele erlebt zu haben bei so viel äußerem Frieden. Ich musste keinen Krieg erleben, jedenfalls nicht bewusst.
Wie fühlen sich all die Menschen, die jetzt aus Kriegsgebieten fliehen ... Schreckliches erleben mussten und sich weiterhin auf der Flucht befinden ...
Das kann man alles gar nicht vergleichen ... Es war eben so ... und nun ist es so ... Leider.

Es gab später noch einen anderen Weg, den der Stille und Meditation und Ganz-bei-sich-seins. Diesen meinte ich, als ich mich oben fragte, ob es nicht besser gewesen wäre ...

So, das kam jetzt alles so rausgeflutscht, es ist noch so unendlich viel mehr drin in dem Füllhorn, doch weiß ich nicht, wann es sich wieder öffnen mag.



:) :freude :) :xmas-4
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DANKE !

Ihr Lieben,

ich möchte nicht viele Worte machen, mich nicht mit meinen Wehwehchen, die nun erst einmal überwunden sind, in den Vordergrund schieben.
Doch habe ich mir den Kopf zerbrochen, wie ich euch danken kann ... und ich schaffe es einfach nicht, jeder/jedem einzeln zu schreiben.
Dass ich wieder da bin, haben die meisten von euch ja schon gemerkt.
Mein letzter 'offener Brief' an Dich, lieber Peter, und auch an alle, war nicht übertrieben, es hätte leicht sein können, dass ich eine der OPs nicht überlebe. Doch nun lebe ich und freue mich sehr darüber, genieße jeden Augenblick, denn kein Augenblick ist selbstverständlich. Was macht es schon, dass meine Stimme etwas lädiert ist, ein Stimmband musste bei einer OP daran glauben, doch mit Hilfe von Logopädie ist sie schon wieder erstaunlich gut.
Die Gedanken und Wünsche, die von euch zum Ausdruck kamen, haben mich ganz gewiss ein Stück weit über die schweren Tage mit hinweg getragen, und ich möchte euch allen, die Ihr mir diese geschickt habt, ganz von Herzen

:blume :blume :blume DANKE :blume :blume :blume
sagen.

Bevor ich in der Klinik landete, schickte mir ein lieber Mensch einen wunderschönen Strauß Sonnenblumen, ich konnte nur noch zwei Tage bewundern, aber wenigstens fotografieren, und dann hat er meinem Sohn gut getan und Freude geschenkt.

Bitte: Ihr braucht mir wirklich nicht zu antworten, ich habe schon so viel von euch bekommen, ich wollte mich einfach nur ganz herzlich bedanken.

Liebe Grüße

Rhonda


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Gestern gab es einen Augenblick, in dem sie wieder auftauchte, diese Frage, wer ich eigentlich bin und in dem ich ihr nachspürte.

Und wieder tauchten wie Konstrukte Gedanken und Erinnerungen auf, solche, in denen ich mich gern erkenne.
Andere, eher unangenehme oder gar traumatische, bleiben oft verborgen, nur ab und zu taucht eine von ihnen aus dem Dunkel auf, einen kurzen Schrecken verursachend.

Als Kind, ich wurde ja sehr christlich erzogen, betete ich oft vor dem Einschlafen, eines dieser Gebete begann, "Breit aus die Flügel beide, oh Jesu, meine Freude ..." und endete mit den Worten, "Will Satan mich verschlingen, so lass die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein". Ich betete voller Inbrunst.

Und wenn ich mir, wie jetzt gerade, dessen bewusst bin, ist mir, als sei diese Bitte erhört worden. (Vielleicht auch ein Gedanken-Konstrukt, aber ein schönes.) :)

Ja, ich habe wohl teilweise ein kindliches Gemüt. Das ist gut so, und ich genieße es. :dw

Wie bin ich froh, dass ich vieles in Therapien bearbeitet habe. Denn irgendwo ist in mir alles da. Und doch darf ich mich oft so glücklich fühlen. Welch ein Geschenk. Selbst meine materiellen Nöte werden davon meist absorbiert.

Erst kürzlich durfte ich wieder einmal bewusst wahrnehmen, welche Energien unsere Gedanken ausstrahlen können. Mir fiel meine Lieblingsfreundin ein, die ich seit früher Jugend kenne, sie und ihre schöne und romantische Umgebung sind wie ein Stück alter Heimat in mir. Lange hatten wir nichts voneinander gehört, und einige Male dachte ich an sie. Und an einen früheren lieben Freund, mit dem ich einst eine schöne Beziehung gehabt hatte, der damals auch aus jenem Umfeld kam.
Und was geschah? Das Telefon klingelte, sie rief mich an, und gleich war sie wieder da, jene liebe vertraute Verbundenheit, dieses umeinander Wissen und ganz sich selbst sein dürfen. Und jener Freund hatte sie angerufen und gefragt, ob sie wisse, wie es mir gehe, er fände meine Telefonnummer nicht mehr.
Nun möchte ich ein alte Liebe nicht unbedingt in der Realität wieder aufwärmen, aber schön fand ich auch das.

Und prompt finde ich heute als Tagesmotivation von Peter Lauster die Worte:
Gedanken verdunkeln oder erhellen deine Seele. Erforsche
deshalb täglich vor allem deine Gedanken und befreie dich
von ihnen.


Und hier erkenne ich mich wieder, so fühle ich mich gerade:



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:blume2 :schmetterling :blume
Angeregt durch Omamas 'Musen-Kuss'-Blog-Eintrag, der ja mit Zeilen und Rhythmus dieses Goethe-Gedichts beginnt, wurde einiges in meiner Erinnerung wieder wach.
Doch davon später, erst einmal das herrliche Gedicht des Meisters im ganzen Wortlaut.

Mailied

Wie herrlich leuchtet
Mir die Natur!
Wie glänzt die Sonne!
Wie lacht die Flur!
Es dringen Blüten
Aus jedem Zweig
Und tausend Stimmen
Aus dem Gesträuch.
Und Freud' und Wonne
Aus jeder Brust.
O Erd', o Sonne!
O Glück, o Lust!

O Lieb', o Liebe!
So golden schön,
Wie Morgenwolken
Auf jenen Höhn!

Du segnest herrlich
Das frische Feld,
Im Blütendampfe
Die volle Welt.

O Mädchen, Mädchen,
Wie lieb' ich dich!
Wie blickt dein Auge!
Wie liebst du mich!

So liebt die Lerche
Gesang und Luft,
Und Morgenblumen
Den Himmelsduft,

Wie ich dich liebe
Mit warmem Blut,
Die du mir Jugend
Und Freud' und Mut

Zu neuen Liedern
Und Tänzen gibst.
Sei ewig glücklich,
Wie du mich liebst!

Johann Wolfgang von Goethe

https://www.youtube....h?v=ns7XpILCFFw

https://www.youtube....h?v=jEjzZFEjXBo

Es war meine erste Liebe, die auch dieses Gedicht nur für mich rezitierte, mit wunderbar klangvoller Stimme, denn er war ein Schauspieler meines damals so heißgeliebten Theaters. Welches so junge Mädchen, ich war 14, wurde dann 15, wäre bei diesen Tönen nicht dahin geschmolzen?
Als er dann eines Tages die Stadt verließ, um zu seiner Frau und an ein anderes Theater zurückzukehren, zerriss es mir fast das Herz. Ich lebte ja in einer anderen Zeit, es war nicht möglich, über 'so etwas' mit jemandem zu reden. Jedenfalls nicht in den Umgebungen, in denen ich lebte, erst in einer, in der fromme und streng moralische Ansichten galten, und dann in einer 'gehobeneren', gebildeteren Gesellschaftsschicht, die zwar nicht kirchlich geprägt war, in der aber doch gerade diesbezüglich ähnliche Gesetze galten. Und so blieb es mein einsames Geheimnis.
Wie fühlte ich mit Gretchen mit, als ich später den 'Faust' las, wenn sie es so ausdrückte: "Doch alles, was mich dazu trieb, Gott, war so gut, ach, war so lieb." (Damit war das Gretchen in mir geboren, allerdings tauchte es nur ab und zu mal auf und glücklicherweise nur selten.) :)
Damals lernte ich Chopin lieben und hörte Schuberts Unvollendete, noch immer eine der schönsten Symfonien für mich.

https://www.youtube....h?v=1-p58OSYhG0

Nun, natürlich könnte man die Angelegenheit auch so betrachten, dass es sich dabei um eine Verführung Minderjähriger handelte. Doch auch wenn ich mir dessen bewusst bin, sind mir solche Urteile - jedenfalls für mich und diese längst vergangenen Geschichten - egal.
Es gibt da eine Erinnerung, die selten mal auftaucht, an Gefühle, die mich und mein Leben mit geprägt haben. Und mich in einer ganz besonderen Intensität in Goethes Sprache einführten.

Ich liebe mein Leben, betrachte es auch in der Rückschau mit Zärtlichkeit und Mitgefühl. Es ist ein gelebtes, lebendiges Leben. Es sind die intensiv wahrgenommenen Augenblicke, deren Leuchten mich bis in die Gegenwart berührt. Wenn ich meine Augen schließe und meiner Seele lausche, bin ich im SEIN, schweigend, spüre eine Einheit zwischen Augenblick und Ewigkeit und allem, was war. :) :blume :schmetterling
:love

Angehangenes Bild
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Januar 1947

Morgens lässt mich mein kleiner Hund meist erst in Ruhe eine Tasse Kaffee trinken und schläft weiter. Wenn von draußen Hundegebell zu hören ist, mache ich den Fernseher an und schalte Panoramabilder ein, die von Musik begleitet sind. Heute blieb ich kurz bei einem Bild hängen, das das dichte Netz der deutschen Autobahnen zeigte, und einen Augenblick lang war ich traurig, weil unser kleines Land immer weiter zugebaut wird auf Kosten der Natur.

Mir fiel das Heft der Nordwestdeutschen Hefte vom Januar 1947 ein, in dem ich gerade erst gestern Abend las. Es stehen kürzere Artikel darin, die von den Befindlichkeiten jener Zeit zeugen, von dem Wunsch nach Neubeginn und Umorientierung, aber auch Elend, Hunger und Heimatlosigkeit jener Zeit deutlich machen. Da in diesen Artikeln nicht über etwas längst Vergangenes berichtet wird, sondern Betroffenheit und Bemühungen auch der Autoren in der Gegenwart zum Ausdruck kommen, hat mich das Lesen stark berührt und Bilder in mir erstehen lassen, die ich in dieser Form nicht kannte.
Es gab zu diesem Zeitpunkt die DDR noch nicht, das Land war aufgeteilt in vier begrenzte Besatzungszonen, und zwar die der Amerikaner, der Briten, der Franzosen und der Sowjets.
Es herrschte große Not, und es waren die Besatzer, die dem geschundenen Land und seinen hungernden Menschen Hilfe leisteten.

Diverse Themen werden angesprochen, ein Artikel trägt die Überschrift "Verlorene Jugend", geschrieben von Werner Jörg Lüddecke. Da steht zum Beispiel:

"Unmöglich, die Zahl der Jugendlichen, die sich auf den Landstraßen, zwischen den Trümmern, auf den Bahnhöfen und an den Grenzen herumtreiben, auch nur annähernd zu schätzen. Man kann sie nicht erfassen, man kann nur sagen, dass ihre Zahl ungeheuer groß ist.
Ich war Zeuge der Volkszählung auf dem Münchner Hauptbahnhof am 29. Oktober 1946, die praktischerweise gleich mit einer Großrazzia verbunden war. Man holte uns gegen 23 Uhr aus den abgestellten Zügen. Unter polizeilicher Bedeckung wurden wir in den Wartesaal gebracht. Etwa 1200 Menschen wurden hier in dieser Nacht registriert. 283 wurden verhaftet. Von den Verhafteten betrug der Anteil der Jugendlichen rund 85 Prozent. Wenige von ihnen trugen Zivil, kaum einer hatte ein Gepäckstück. Viele hatten kein Hemd auf dem Leib, keine Strümpfe an den Füßen, keine Mütze, keinen Mantel, kein Geld, keine Papiere. Ihre Gesichter waren frech, waren dumpf, waren schicksalsergeben, waren kriecherisch, waren stolz." .... "Viele hatten schon jene zeitlosen unbestimmbaren Gesichter, die nur äußerste Not und Hoffnungslosigkeit zu prägen vermögen."


Ich habe aus dem Heft zwei Fotos junger Männer kopiert, die ich euch gerne zeigen möchte. Sie sind ja von 1946 oder 47, also vermute ich, dass es kein Problem mit den Bildrechten geben dürfte, zeige sie aber für alle Fälle in meinem internen Blog.
Falls jemand Bedenken hat, bitte ich, sie mir mitzuteilen, dann lösche ich sie wieder.

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Unter dem linken Foto steht, "Ohne Eltern, ohne Heimat, ohne Hoffnung", unter dem rechten, "Jugendlicher am Hamburger 'Schwarzen Markt'".


So sehr mich auch das Elend der Menschen jener Zeit bewegt, macht es mich doch traurig zu sehen, wie die Welt - und auch unser Land - sich inzwischen weiterentwickelt hat. Doch das ist ein anderes Thema und würde jetzt zu weit führen. Immerhin bin ich glücklich, dass ich bisher in Frieden leben durfte.

Aber noch etwas berührt mich warm und erfüllt mich mit unbändiger Dankbarkeit: Wie meine Eltern in der Not und der ganzen Stimmung jener Zeit ein Nest schufen, in dem ich mich als kleines Kind geborgen und beschützt fühlen durfte ... Das ist mir gerade erst so recht bewusst geworden. :love
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Jugend

:schmetterling :blume :schmetterling :blume2 :ge

Eine Jugendsünde ist, wenn man jung ist und es verpasst.

Erich Maria Remarque

:)

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Heta

Es war kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Es gab keine Puppen, oder falls doch irgendwo, wären sie viel zu teuer gewesen.
Doch meine Mutter wusste sich auch da zu helfen.
Sie machte mir eine Puppe selbst. Den Kopf schnitzte sie aus einem Stück Holz.
Die Puppe hieß 'Heta'. :love


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:herz
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