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Bettina

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Bettina
oder
Tod im Frühling

Damals, ich war 15 Jahre alt, lebte ich erst kurze Zeit in Stuttgart, in einer romantischen Umgebung. Von dem Häuschen der Eltern meiner Stiefmutter aus hatte ich aus meinem kleinen Zimmerchen nicht nur einen Ausblick auf weite dunkle Wälder, sondern als ich dort einzog streckte ein Apfelbaum seine blühenden Zweige fast in mein Fenster hinein. Es war eine stille und einsame Zeit, hatte ich doch alles mir Vertraute hinter mir gelassen. Ich war an den Nachmittagen allein, die alten Leute machten unten ihren Mittagsschlaf, und hörte, man hatte mir einen Plattenspieler und einige Platten gegeben, immer wieder Schuberts Unvollendete, Klaviermusik von Chopin oder das Violinkonzert von Max Bruch.

Wenn ich das Haus verließ, sah ich den gegenüber der Straße in ein Tal abfallenden Hang, der weit gegenüber wieder anstieg, voller Weinberge und Gärten und der Weg zur Straßenbahn führte ein Stück weit durch den Wald.
Oft, wenn ich in die Straßenbahn einstieg, sah ich sie, die Zwillinge. Es machte mich froh, sie zu sehen, ich liebte den Anblick dieser beiden jungen Mädchen und hätte so gern Kontakt zu ihnen aufgenommen, doch war ich scheu und ich fand kein wie und warum. Sie besuchten die gleiche Schule wie ich, waren aber zwei Klassen über mir. Sie standen meist im ersten Wagen hinten, und dort stand ich auch und sah zu ihnen rüber, wenn sie mir den Rücken zuwandten oder wenn ich das Gefühl hatte, sie bemerkten es nicht. Sie hatten die gleiche Statur, ihre dunkelblonden Haare fielen glatt und lang auf den dunkelbeigen oder eher khakifarbenen dünnen Mantel hinab.
Ihre Gesichter glichen sich nicht, und auch in ihrer Art waren sie unterschiedlich, jedenfalls war mein Eindruck, dass Bettina die Lebhaftere und Aufgeschlossenere war und Angelika ein wenig stiller und verschlossener. Allerdings kannte ich sie ja nicht gut und sah sie nur von weitem. Nur einmal sprach ich mit Bettina in der Pause auf dem Schulhof, ich weiß nicht mehr, worum es ging, ich erinnere mich nur, dass sie sehr nett und lebendig war und ich mich danach eine Weile glücklich fühlte.

Die Mutter der beiden war, wie ich gehört hatte, Malerin, und ich spazierte mal an dem Haus vorbei, in dem sie lebten. Es war hügelig dort, und das Haus stand ein Stück weit oberhalb der Straße. Es hatte ein riesengroßes Fenster, das den Blick in ein Atelier frei gab, in dem ich eine Staffelei sah und die Mutter, in meiner Erinnerung hat sie glatte schwarze, streng zurückgekämmte Haare.
Alles an dieser Familie empfand ich als anziehend und schick.

Und dann, eines Tages, es war noch immer - oder wieder, ich weiß es nicht mehr - Frühling. Alles stand in vollster Blüte, als Bettina tödlich verunglückte.
Sie war sehr beliebt und mein Eindruck war, die ganze Schule stand unter Schock.

Sie war mit einem Freund in einem VW-Cabrio unterwegs gewesen, er kam mit den Autorädern an die Bordsteinkante, das Auto kam ins Schleudern, Bettina wurde hinausgeschleudert und schlug mit dem Kopf auf den Straßenbahnschienen auf und war sofort tot. Der Freund blieb unverletzt.

Stuttgart ist eine unglaublich romantische Stadt, wenn man nicht gerade im Kessel der Innenstadt lebt. Und da oben, wo ich das Glück hatte, eine Zeit lang zu wohnen, gibt es einen kleinen - auch unglaublich romantischen - Friedhof.
Dort war Bettina in der kleinen Kapelle aufgebahrt. Ich besuchte sie in dem kleinen Aufbahrungsraum, der in einem Meer von Blüten schier versank. Nur Bettinas Kopf war bandagiert, ihr schönes und friedliches Gesicht von einem durchsichtigen Schleier bedeckt. Und überall Blumen und Blüten.
Es war meine erste Begegnung mit dem Tod und die berührte mich stark. Meine Gefühle von Trauer waren sozusagen in Frühlingsduft eingebettet.
Den wirklichen tiefen Schmerz erlebte ich bei der Beerdigung, an der ich mit dem Schulchor teilnehmen durfte. Da stand Angelika mit jenem Freund, der den Unfall verursacht hatte, am Grab, ihre und seine Hände fest und schmerzvoll ineinander verkrallt.
Wir, der Schulchor, sangen das Ave Verum und noch etwas aus Mozarts Requiem.

Auf Bettinas Grab stand dann ein Rosenkreuz aus rotem Sandstein, nach einem Entwurf von Bettinas Mutter von einer Bildhauerin gestaltet. Und es war ein schöner, lichter Text eingraviert, der mir leider entfallen ist.

Jahrzehnte später besuchte ich mit meiner Stiefmutter auf jenem Friedhof das Grab von Angehörigen und wollte dann, wie sonst auch, wenn ich dort war, auch zu Bettinas Grab gehen. Da sah ich zwei Frauen, die den Friedhof gerade verlassen wollten und stürzte hinterher, weil ich Angelika erkannt hatte. Sie war es, zusammen mit ihrer Mutter.
Meine Stiefmutter kam dazu, und wir unterhielten uns kurz. Angelikas Mutter lebte inzwischen in einem anthroposophischen Heim für Demenzkranke, soviel ich weiß, und als meine Stiefmutter das Wort "Zwillinge" aussprach, wiederholte Angelikas Mutter lachend das Wort "Zwillinge. Zwillinge.", ohne offensichtlich zu wissen, wovon sie sprach.

Inzwischen lebt Angelika schon lange am anderen Ende der Welt, wo sie sich um Pinguine und andere Tiere kümmert.

Ich weiß nicht, woran es liegen mag, dass manche Menschen sich unseren Herzen derart einprägen, so viel Raum im Herzen einnehmen, und andere gar nicht.
Angelika, die nichts davon weiß, war ich seit unserer Jugend innerlich verbunden. Ich nehme von weitem Anteil an ihrem Schicksal. Aber diese Worte treffen es nicht.
Da ist etwas so Tiefes intensiv in mir berührt.
Sie und Bettina bleiben immer in meinem Herzen.


:em

Gezeigtes Bild


:em
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2 Kommentare zu diesem Eintrag
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Liebe Rhonda, :ge
diese Geschichte ist - wenn auch nicht ohne Tragik - sehr schön. Ich kann Deine Gefühle sehr gut nachempfinden und das - was die scheinbar schwer zu erklärende Nähe zu bestimmten Menschen betrifft - aus eigenem Erleben mitfühlen. Ich stoße so immer wieder auf Deine feinstoffliche Wahrnehmung und bin Dir - in meinen Empfindungen - sehr nah.

Sei von Herzen gegrüßt :herz Hartmut
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Lieber Hartmut,

wie gut es mir tut, einen so lieben Kommentar von einem Menschen zu lesen, der hier im Forum lange mein Freund war und, wie ich gerade merke, mir innerlich noch immer nahe steht. Hab ganz lieben Dank dafür, ich habe mich sehr gefreut, auch darüber, dass Du Dich überhaupt mal wieder zu Wort gemeldet hast, und das in einer Weise, wie sie mir von früher von Dir vertraut ist.
Zugleich spüre ich etwas von der Wärme, die ich hier im Forum nun schon lange manchmal so sehr vermisse.

Ganz herzliche Grüße zu Dir zurück :herz

Rhonda
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